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Angela Kecinski // Berührt sein von Corona

Berührt sein von Corona (Audio)

Wie arbeiten wir Performer*innen in pandemischen Zeiten? Welche Probleme tun sich auf? Wie versuchen wir sie zu lösen? Wofür lassen sich keine Lösungen finden?

Eine persönliche Erzählung von Angela Kecinski aus den Proben mit Verena Steiner (Künstlerische Leitung) und Franklyn Kakyire.

Berührung…

Als Performer*innen gemeinsam einen Modus finden? Sich gegenseitig „spüren“? Wie kann das funktionieren, wenn die Körper der anderen Tänzer*innen konstant so weit weg sind, dass man kaum ihren Atem hört? Um eine Choreographie ausführen zu können, brauchen wir Referenzen im Raum. Wir scannen den Boden, die Wände, Objekte und andere Perform*innen im Raum. Wir brauchen bestimmte Bezüge zum Körper der Anderen, die wir normalerweise über Nähe oder gar über Berührung herstellen. Ein Leben ohne Berühren und Tasten sei nicht möglich, das dachten wir vorher. Körperliche Berührung fungiert als Ressource im Tanz. Sowohl das passive berührt

Werden als auch das aktive Berühren. Wie ist der Muskeltonus der Anderen? Wie passieren Bewegungsansätze? Unsere gewohnte Sinneswahrnehmung und unser Umgang damit ist beeinträchtigt. Wir können sehen wie eine Bewegung ausgeführt wird, aber wir spüren es nicht.

Unser Körper wird aktiviert durch Berührung. Wie können wir in den Körper des Anderen „eintauchen“, das Gegenüber körperlich verstehen? Die Haut ist ein Ort der taktilen und emotionalen Wahrnehmung. Wie können wir uns nah sein, um einen gemeinsamen Prozess zu bestreiten und ein Stück kreieren? Wie erreichen wir eine kinästhetische Empathie über die Distanz für jene, die sich mit im Studio befinden?

Technik der indirekten Berührung…

Wir legen uns auf den Boden, eine Hand auf den Unterbauch und spüren den Atem. Erstmal unseren eigenen. Bei der Ausatmung bewegt sich der Unterbauch nach innen. Dann wird der natürliche Atemimpuls ausgelöst, der Bauch weitet sich. Bei jeder weiteren Ausatmung lassen wir nicht nur Luft, sondern auch Töne strömen. Wir spüren die Resonanz des Tones in unserem eigenen Körper und spüren auch die resonierenden Töne im Studio, die durch die Körpern der Anderen fließen. Wir bewegen uns langsam, im Rhythmus unseres eigenen Atems. Die Rhythmen jener, die sich mit im Raum befinden, werden spürbar. Wir fühlen uns. Das ist eine Technik, die uns sehr zusammengebracht hat und uns geholfen hat auch in anderen Tasks gemeinsame Modi zu finden.

Proben ohne Gesicht…

Je nach Größe des Raumes ist das choreographische Spiel eingeschränkt. Wege der Kreuzungen und Umrundungen, Positionierungen und Relationen sind schlichtweg nicht möglich. Wir haben uns entschlossen, eine Stoffmaske zu tragen, da wir den Abstand von 1,5m für kurze Momente nicht immer einhalten können. Es fehlt das offene Gesicht. Wir versuchen den Kiefer zu lockern, aber oft fühlt es sich nicht so frei und locker im Gesicht an.

Ohne Training…

Wie läßt es sich mit einem untrainierten Körper arbeiten? Im Tanz sehnen wir uns nach Befreiung.

Wir wenden bestimmte Tools an, um loszulassen, lernen Techniken, um unsere Körper optimal zu nutzen. Jetzt sind wir beschränkt. Können im kleinen Probenraum weder vor noch zurück, strengen uns zu viel an, atmen zu heftig. Wir können wir in dieser Situation loslassen und mit unseren Körpern arbeiten?

Es fehlt das Profitraining im Raum und in der Gruppe. Eine Person, die sich vorbereitet hat und sich methodisch 90 Minuten Zeit nimmt, den Körper und das Bewusstsein auf die Probe vorzubereiten. Das Auge von außen, das dich anguckt und dir, unabhängig von jeglichem künstlerischen Prozess, sagt, was dir gut tun und helfen könnte. Ich bin vor Corona nicht mehr täglich ins Training gegangen, aber bei Zeiten immer mal wieder. Onlinetraining oder gemeinsames Warm-up gibt mir keinen adäquaten Ersatz. Fitness, Virtuosität, Vielfältigkeit, Konzentrationsvermögen – davon war vor Corona mehr in mir vorhanden. Das macht mich traurig und ich versuche mich nicht frustrieren zu lassen und mich zu freuen, dass ich überhaupt noch arbeiten darf.

Stück ohne Aufführung…

Ich hoffe sehr, dass wir unser Stück im Mai auf dem Außengelände von Kampnagel zeigen können. Eine Performance ohne Zuschauer macht auch traurig. Erst im Zeigen entwickelt sich das Stück, kommt zu vollem „Leben“. Das Performen ist anders ohne Publikum und ergibt für mich erst Sinn als Live-Aktivität.

Ständiger Wechsel…

Normalerweise erstellt die künstlerische Leitung oder Produktion einen Probenplan. Mit Mühe, denn es gibt viele Aspekte der freiberuflich Tätigen zu berücksichtigen, die z. T. auch noch kleine Kinder haben. Nicht genug, denn in diesen Zeiten ist alles anders…

Jemand ist tatsächlich an Corona erkrankt. Wie lange dauert die Genesung? Unplanbar. Proben müssen lange ausfallen. Danach wird eine Quarantäne verordnet, ausgelöst durch den Kindergarten – wieder 14 Tage keine Proben. Ein Schnupfen. Wir lassen die Probe lieber ausfallen.

Erneute KiTa-Schließung: Kinderbetreuung kann nur für die Hälfte der Woche organisiert werden, der Rest der Proben muss entfallen. Es ist eine riesengroße organisatorische Herausforderung!

Wir proben seit 4 Monaten und hätten eigentlich schon Premiere gehabt. Wir haben erst 50% von den ehemals angesetzten Proben gearbeitet. Es erfordert Geduld. Andererseits ist es auch schön, sich lange mit einem Thema beschäftigen zu können und nicht schnell von Prozess zu Prozess zu hetzen. Finanziell schlägt es sich natürlich auch nieder, da sich ein Budget über einen viel längeren Zeitraum erstreckt.


Angela Kecinski tanzte nach ihrem Studium am ArtEZ (Hochschule der Künste) in Arnheim an verschiedenen Stadttheatern in Deutschland und Schweden. Sie kehrte zurück nach Hamburg, schloss den MA Performance Studies ab und arbeitet seitdem als freischaffende Performerin, Choreographin und Dozentin.